Mittwoch, 28. Juli 2010

Biennale die Vierte - Herrschaftsverherrlichung und ungemachte Betten

Die Biennale ist dieses Jahr eine Schnitzeljagd durch die Viertel Mitte und Kreuzberg. Das Einfachste lasse ich mir bis zum Schluss, der jetzt gekommen ist- Menzel in der Alten Nationalgalerie.Die Alte Nationalgalerie thront hinter dem Alten Museum mitten im Museumsinselkomplex. Sie ist vollgestopft mit unerträglichen staatstragenden Gemälden für einen längst nicht mehr existierenden Staat - Preußen. Das macht es wieder etwas lustiger. Die Gemälde großer Herrscher zu sehen, die nichts sind als Gemälde großer Herrscher.

Einer der Maler dieser Gattung war Adolf Menzel. Ende des 19. Jahrhunderts schuf er Bildikonen der preußischen Geschichte, die Krönung Friedrich I., der sich gegen ein hübsches Sümmchen die Königskrone vom österreichischen Kaiser gekauft hatte, die Flötenkonzerte Friedrich des sogen. Großen (ich kann diese Zuschreibungen nur schwer ertragen, ohne Lachkrämpfe zu kriegen. Stellen Sie sich vor, in hundert Jahren würde Frau Merkel "die Große" genannt! Eben!). usw. usw.Was die Kuratoren der Biennale interessiert, sind die Zeichnungen, die tatsächlich einen hübschen Kontrast zur staatstragenden Ikonografie bilden, exhumierte Soldatenkörper in Bleistiftstrichen festgehalten, Fahrradsattel wie sie die Werbung der 1950er Jahre eingesetzt hätte.

6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
11.6. - 8.8.2010
Alte Nationalgalerie
Menzels Extremer Realismus
Di - So 10- 18h
Bodestr. 1-3
10178 Berlin

Joas Sebastian Nebe

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ja so ist es, Menzel, ein überlebengroßer Zeichner.
- In der Malerei meist leider nur lebensgroß (ohne Zylinder ;-)

Rubin

Anonym hat gesagt…

Einfachste, unerträglich???
Diese Beschreibungen treffen auf ganz andere Sachen zu...

Anonym hat gesagt…

???

Rubin

Joas Nebe hat gesagt…

Technisches Können ist nur eine Seite. Der andere, viel wichtigere Aspekt ist die Aussage. Und die muss bei Menzel in einem politischen Zusammenhang gesehen werden.
JSN

André Debus hat gesagt…

Aha, ich habe die Worte gefunden... einfach und unerträglich - ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen.

Ich gebe Joas recht. Es ist naheliegend Kunst nach Hegelscher Vorgehensweise zu betrachten. Subjekt und Objekt, Inhalt und Form/Material. Menzel ist als Zeichner unbestritten. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass er als Historienbildner etwas statisch wirkt. Was mir persönlich am besten gefällt sind die farbigen Bilder, die er als "Skizzen" verstand, zumeist Guachen.

Inhaltlich kann man Menzel heute nur bedingt verstehen. Einerseits ganz der Realist der das Arbeitermilieu dokumentiert, dann aber der Spätromantiker der sich für den Alten Fritz begeistert und in barockem Dekor aufgeht. Menzel war schon ein kleiner Träumer.

Aber, und dass sei ihm nicht genommen, eben auch ein traumhafter Zeichner.

Anonym hat gesagt…

Also ich verstehe immer noch nicht worauf sich der zweite Kommentar bezieht!?!?

@ Jonas: Das mit den Zeichnungen habe ich eigentlich nicht technischen Sinne gemeint, stimme da eher André, der sie als "traumhaft" beschreibt, sie sind eben traumhaft sicher.
An der Malerei hab ich technisch in diesem Sinn auch nichts zu bemängeln. mir fiel nur oft auf, das die Kompositionen oft nur eine gewaltige Ansammlung von einzeln Figuren oder Details sind, habe oft das Gefühl ihnen fehlt "der große Wurf" oder auch nur eine übergeordnete Kompositionsidee. -Dies verwundert mich bei einen großen Zeichner wie Menzel besonders, denke ich doch immer, Zeichnung ist Bildkomposition.
Vielleicht waren Ihm aber diese zumeist herrschaftlichen Auftragsarbeiten nicht so wichtig und wichtig war, sich in die Bierschwämme zu begeben und das Volk zu zeichnen.

Rubin