Donnerstag, 31. März 2011

Remodernismus

Neulich wurde ich in ein neu gegründetes Forum eingeladen: remodernisten.de. Der Name Remodernismus schreckte mich zunächst etwas ab. Remodernismus klingt so, als ob man die Postmoderne verleugnen und (wieder einmal) direkt an die Kunst des 19. Jhds. anknüpfen möchte. Ganz so ist es jedoch nicht. Offensichtlich will man sich wohl nur endgültig von den Maßstäben der Postmoderne, insbesondere der Ironie und den Zitaten verabschieden. Und man möchte näher ans Publikum rücken. Was ich natürlich ganz sympathisch finde.

Etwas schwerer tue ich mir jedoch mit den teils recht esoterisch anmutenden Forderungen an die Künstler. Wieder mal werden wir zu Schamanen und zu Propheten gemacht. Es gibt ja eine ganze Reihe von Bewegungen, die mir gefallen und denen ich nahe stehe. So die Schule von Odd Nerdrum oder auch die Lowbrow- und Pop-Surrealismus-Bewegung in Europa. Doch nirgendwo würde ich mich den Ideen komplett anschließen, geschweige denn einem Zehn-Punkte-Katalog zu meinem persönlichen Programm machen.

Ein solcher ist im Rahmen des Remodernistenforums zur Diskussion gestellt worden. Ich möchte auf dieses spannende Thema nun antworten. Also ein Auszug aus der Website und meine Antwort darauf:

Die remodernistische Bewegung in Deutschland ist neu, sie geht aus den Stuckisten hervor, eine um das Jahr 2000 gegründete Malergruppe aus London. (Geschichte der Stuckisten) Naturgemäß sind die remodernistischen Definitionen noch im Prozess. Mitglieder dieses Forums sind herzlich dazu aufgerufen, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen, wir sind dankbar für Eure Vorstellungen und Ideen. Als erste Skizze mögen folgende Definitionen dienen:

1. Das Wesen des Menschen ist intellektuell UND emotional. Remodernistische Künstler streben danach, als ganzer Mensch Kunst zu machen. Deshalb steht idealerweise der konzeptionelle wie auch der intuitiv-emotionale Anteil eines Kunstwerks in einem ausgewogenen Verhältnis.

2. Die Überbetonung des Intellekts in der postmodernen Kunst (Konzept, Idee, Konstruktion und Zitate) begreifen wir als einen Irrweg. Sie macht Kunst elitär, emotional unzugänglich und blutleer.

3. Wir befürworten eine emotional- sinnlich dekodierbare Kunst, die wieder einen breiteren Dialog mit der Gesellschaft führt. Hermetisch- intellektuell elitäre „Kunst-Insiderwitze“ lehnen wir ab.

4. Im Leben wie in der Kunst gibt es prinzipiell zwei Herangehensweisen Prozesse zu bemeistern: Eine intuitiv- emotionale und eine rational- denkende. Im intuitiv- emotionalen Teil des künstlerischen Schaffensprozesses sieht sich der Künstler einer starken Selbstkonfrontation gegenüber.

5. Wie auch Joseph Beuys (Zit.: „Jeder Mensch ist kreativ und kann Künstler sein – wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert.“) erachten wir eine Selbstkonfrontation im künstlerischen Schaffensprozess als wünschenswert bis notwendig - andernfalls ist nur der rationale Teil des Künstlers beteiligt.

6. In der postmodernen Gesellschaft allgemein wie in der Kunstwelt besteht die starke Tendenz einer Selbstkonfrontation (und damit Selbsterkenntnis) auszuweichen. Durch Kunstprozesse, die vorwiegend intellektuell, konstruierend und zitierend sind, schützt sich der Künstler vor Selbstkonfrontation und Emotion. Damit macht er sich auf einer persönlich- emotionalen Ebene unangreifbar und entzieht sich einem breiteren Dialog. Je konzeptioneller das Werk, desto wichtiger wird der intellektuelle Zugang für den Rezipienten.

7. Remodernismus ist keine politische und keine religiöse Anschauung. Dennoch begreifen sich viele Remodernisten als Teil eines größeren, sinnvollen Ganzen. Wir verstehen unser Handeln als nicht beliebig, es hat Folgen und es ist in eine höhere Sinnhaftigkeit eingebettet. Der Sinn liegt in steigender (Selbst-)Bewusstheit und (Selbst-)Erkenntnis.

8. Remodernisten verwerfen den Grundgedanken der Moderne und Romantik nicht, in dem der Künstler noch als „Enthusiast“ angesehen wurde. Bei dieser Vorstellung geht es um eine über die Person des Künstlers hinaus gehende Entität, die transpersonalen Charakter hat.

9. Ohne eine transpersonale Energie näher definieren zu wollen, beschreiben viele Künstler eine im Schaffensprozess auftauchende Kraft (als eine unbewusst- intuitive Kompetenz), die über das Tagbewusstsein des Künstlers hinausreicht. Viele remodernistische Künstler sehen in diesem Zustand das eigentlich kreative Element ihrer Kunst.

10. In säkularisierter Gesellschaft wie in der postmodernen Kunstwelt sind Geheimnis und Spiritualität verpönt. Selbstkonfrontativ arbeitende Künstler laufen in einer über- intellektualisierten Kunstwelt Gefahr, mit Unprofessionalität assoziiert zu werden. Gegen dieses Vorurteil sprechen wir uns aus.

Raymond Unger, September 2010

Wir geben nochmals zu bedenken, dass unsere Definitionen die remodernistische Grundidee lediglich skizzieren – der Prozess ist offen. Selbstverständlich erwarten wir von keinem Mitglied jeden einzelnen Punkt mit uns zu teilen.


Hier meine Meinung zu den zehn Punkten. Ich möchte betonen, dass es sich um meine persönliche Meinung handelt, es soll kein Allgemeinheitsanspruch gelten.

Die Punkte 1 und 2 befürworte ich aus ganzem Herzen.

Zu 3: Dem ersten Satz stimme ich gerne zu. Den zweiten Satz würde ich einschränken: Insiderwitze sollten nicht Aufhänger eines Werkes sein. Ich befürworte die Idee des barocken Stufenmodells, nach welchem Kunstwerke in mehreren Stufen rezipierbar sein sollten. Wenn auch der Eingang bereits einem Laien möglich gemacht werden sollte, so sollte doch idealerweise ein Werk in mehreren Ebenen lesbar sein. Kunstgymmicks für Fachleute solllte man nicht im Vornherein ausschließen.

Punkt vier ist eigentlich schon in Punkt eins formuliert worden.

Zu 5: Selbstkonfrontation wird nicht ausbleiben, sofern jemand ernsthaft arbeitet. Ich würde Selbstkonfrontation nicht als Grundlage hernehmen sondern die Forderung: Arbeit, Arbeit, Arbeit! Wie mein Professor so schön sagte: „Arbeite! Stil kommt von selbst.“

Punkt 6 ist eigentlich ein Argument, kein für sich stehender Punkt. Inhaltlich bejahenswert, aber in einer solchen Auflistung fehl am Platze. Dieser Punkt kann als Erklärung von Punkt 5 herhalten. Inhaltlich ist er partiell mit Punkt 2 deckungsgleich.

Zu 7: Der Ausschluss religiöser oder politischer Motive ist begrüßenswert. Meinem Dafürhalten klingt der Punkt allerdings etwas esoterisch. Prinzipiell fühle ich mich als Teil einer weltweiten Bewegung, die den Kunstbetrachter ernst nimmt und einbeziehen möchte. Der letzte Satz klingt mir aber eher nach Selbsttherapie, als wie nach dem Wunsch zu Kommunikation mit dem Publikum. Ich unterscheide hier sehr stark zwischen Selbstreflektion im therapeutischen Sinne und Selbstreflektion die solcherform in die Kunst einfliesst, dass sie dem Kunstbetrachter ermöglicht seine eigene Situation wiederzuerkennen.

Zu 8. ok aber für mich keine Grundbedingung. Man kann zu Kunst auch einen wesentlich emotionsloseren Standpunkt einnehmen. Erfahrungsgemäß setzen sich jedoch tatsächlich die Positionen durch, die sich auch auf emotionaler Ebene mit ihrer Kunst in hohem Maße identifizieren, weil normalerweise nur sie die Kraft aufbringen, soviel Arbeit reinzustecken, wie nötig ist um eben erfolgreich zu sein (ich messe Erfolg an der Qualität der Arbeit, nicht am wirtschaftlichen Ertrag).

Zu 9. Klingt auch unheimlich esoterisch, nachgerade auratisch. Ich wage, diese Kraft näher zu beschreiben: Mich treibt mein riesiger Ehrgeiz nach Erfolg sowie meine Sucht nach öffentlicher Wahrnehmung und Anerkennung an. Das ist die Kraft, die mich dazu bringt jeden Tag 12 bis 14 Stunden zu arbeiten.

Zu 10. Als private Person bin ich tiefreligiös. Was meine Arbeit angeht, sehe ich das Ganze etwas distanzierter. Mir hat jemand mal, nachdem ich ihm erklärte Künstler zu sein, geantwortet: „Aha, also ein Dienstleister im Unterhaltungssektor.“

Soweit meine Antwort. Vielleicht fühlt sich ja jemand von der Thematik angesprochen und möchte sich dem Forum anschließen. Ich jedenfalls werde das Ganze mit einigem Interesse weiterhin beobachten.

André Debus

Kommentare:

ChaLi hat gesagt…

Ich hab das stuck Manifest tatsächlich gelesen und sag besser nichts dazu.
Zu Andrés Kommentare hingegen schon:
Zu 2: "Ideen & Zitate machen Kunst emotional unzugänglich"?
Das Gegenteil is der Fall.
Zu 9: Verglichen mit der transpersonalauftauchenüberdasTagesbewusstseinhinausreichenden Energie find ich das mit dem Ehrgeiz und Sucht und so irgendwie überzeugender.
Zu 10: Wohlan, sprich dich aus, Herr Unger. Ich halt dich trotzdem für "unprofessionell".
Wohingegen das Zitat vom "Dienstleister im U-Sektor" scheint mir - let's face it - realitätsnah.
Is doch nich schlimm. Ich mein, solang's die Menschen glücklich macht ...

André Debus hat gesagt…

Wow. Ich hätte mir einen so langen Text, und noch dazu ohne Bilder, nicht durchgelesen.

zu 2. "Die Überbetonung des Intellekts..." machen Kunst "emotional unzugänglich". Die Einstiegsworte des Punktes machen den Charakter der Aussage, die ich so auf alle Fälle unterschreiben würde.

Knapp-Log hat gesagt…

Stimme Dir in allen Punkten voll zu, André! Hast Du das nicht schon auf zentrifuge-nuernberg.de gepostet? Oder ON-index.de ?
Frohes Schaffen!
MLG
JK