Dienstag, 19. April 2011

Messies

Mir scheint, als ob ich über Kunstmessen häufiger schreibe als über Ausstellungen – im vorliegenden Fall ist es die Art Cologne. Und da mich weder Kauf- noch Verkaufsabsichten treiben, konsumiere ich sie aus purer Genusssucht. Schließlich kann ich davon ausgehen, dass ich hier mit all den anstrengenden Begleiterscheinungen themengebundener Ausstellungen verschont werde: Keine Wandtexte, keine Vitrinen voll Dokumente, keine wortgewaltigen Videos, keine performativen Belastungsproben.

Zwar wissen wir, dass Kunst mehr ist als das, was an eine Wand oder auf einen Sockel passt, unter Messebedingungen aber beschränkt sie sich eben doch auf eben diese verkaufsfördernden Formate. Wie erholsam.¹

Stef Heidhues

Warum begebe ich mich in die Niederungen einer Verkaufsfläche, statt mich inmitten der wissenschaftlich begleiteten Konsumzurückhaltung einer kuratierten Ausstellung dem interesselosen Wohlgefallen hinzugeben? Weil sich die hier suggerierte Entweder-Oder-Frage nicht stellt, denn Messen einerseits und Galerien, Ausstellungen oder Museen andererseits sind nicht zu vergleichen.

Der Unterschied besteht im Motiv: Eine Ausstellung verfolgt alle möglichen Absichten (Erörterung einer übergreifenden Frage, Überblick über eine Zeit, einen Raum oder das Werk einer Person oder Personengruppe usw.), eine Messe hingegen eine: Umsatz.

Und um diesen zu gewährleisten, müssen sich die Werke unter anderen als den Bedingungen einer Ausstellung bewähren. Eine Messepräsentation ist Ergebnis natürlicher Auslese: Nur was sich gegen die erbarmungslose Konkurrenz anderer oder ähnlicher Objekte durchzusetzen verspricht, wird knapp bemessener Platz während knapp bemessener Zeit zugewiesen. Denn während die BesucherInnen von Ausstellungen absichtlich und entsprechend motiviert erscheinen, um sich innerhalb eines angemessenen Zeitrahmens auf angemessener Fläche mit dem Ganzen und seinen Teilen zu beschäftigen, bleibt der zum Verkauf vorgesehenen Kunst angesichts des gesamten Angebots wenig Zeit und wenig Fläche, um auch das Interesse der Laufkundschaft zu wecken.

Das Wissen um diese Bedingungen erhöht zumindest meine Aufmerksamkeit, weil sich bei jedem Exponat die Warum-ausgerechnet-das?-Frage stellt.

Anna Galtarossa „Skyscraper Nursery“, 2011

In einer idealen Welt befindet sich der Stand bereits nach der Preview am Abend vor der offiziellen Eröffnung im Post-Heuschrecken-Zustand, und wird während der Restlaufzeit aus den mitgeführten Beständen neu befüllt.

In der uns vorliegenden hingegen wird der Geschäftsverlauf von den Verantwortlichen gern so beschrieben: „Wir sind sehr zufrieden. Wir konnten mit außergewöhnlichen Spitzenpositionen überzeugen, unsere SammlerInnen sind äußerst engagiert und wir haben zahlreiche Gespräche im Vorfeld späterer Kaufentscheidungen geführt.“

Dies oder ähnliches erklingt, wo immer Mikrofone und Kameras das Interesse der Weltöffentlichkeit verheißen.

Selten wird der Imperativ „du sollst positiv sein“ so gewissenhaft eingehalten wie auf Messen. Denn während in der heimischen Galerie anhaltender Erfolg nur gegenüber KundInnen behauptet werden braucht, befindet man sich hier in einer temporären Wohngemeinschaft mit ausgerechnet denjenigen, mit denen einen gerade mal die gemeinsame Abneigung gegen die anderen verbindet. Und da gilt es, pausen- und gnadenlos Zuversicht versprühen, beruht doch der Kunstmarkt auf der Fähigkeit, potentielle KundInnen von der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Bedeutung der KünstlerInnen zu überzeugen, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Regel: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

Folglich werden vorsichtig Anerkennung äußernde BesucherInnen durch leidenschaftliche Zustimmung ermuntert, wobei eine gewisse professionelle Reserviertheit gewahrt wird. After all sind wir hier in Germany, you know? Anderswo sieht man ekstatische Beifallsbekundungen, begleitet von expressiver Körpersprache entspannter.

Bodenplastik

Wobei, bitte Vorsicht mit allzu spontanen Gesten. Dies beispielsweise ist keine Bodenplastik, wie ich anfangs dachte, als vielmehr eine zu Boden gegangene Plastik.

Leider sind auf Messen nicht alle so umfassend versichert, wie sich es die an derartigen Ups-Sorry-Ereignissen Beteiligten wünschen. Denn de Kosten einer Messeteilnahme entsprechen so schon der Halbjahresmiete der eigenen Galerie, und auch wenn man den Geld-spielt-keine-Rolle-Habitus kultiviert, spart man doch diskret an Posten, die weniger auffallen, wie z.B. an der Standversicherung.

Unentspannten Angsthasen scheint das der suboptimale Ort, die finanziellen Belastungen einer Messe zu mildern, denn Kojen heißen so, weil sie welche sind, nämlich: eng (mit Ausnahme der der global players, die ganze Hallensegmente besiedeln). Und wo jeder bezahlte Quadratmeter sich amortisieren soll, wird die beliebte Definition, Skulptur sei, wogegen man stößt, wenn man zurücktritt, um ein Bild zu betrachten, schnell konkret.

Martin Städeli „doDo, Condoodnoc“, 2010

Nicht nur der knapp bemessene Raum stellt ein Versicherungsrisiko dar, sondern auch die Notwendigkeit, sich innerhalb all der sich Profilierenden zu profilieren. Bei soviel gleichen Bedingungen möcht man schon gern ein bisschen gleicher sein. Andererseits will niemand als Klassenclown durch schrille Exponate auffallen – zumindest nicht nur. Die Mischkalkulation, die schon die Auswahl der präsentierten KünstlerInnen bestimmt (ein Drittel Emerging, ein Drittel Mid-Career, ein Drittel Retrospektive) bestimmt auch das Verhältnis leiser und lauter Arbeiten. So hat es sich bewährt, zumindest einen Blickfang entweder außen (zieht Leute an) oder innen (zieht Leute rein) zu platzieren. Nur haben Blickfänge zuweilen versicherungstechnisch prekäre Formate, die schnell mal versunken vor sich hin textende Walkmen aufspießen oder flach legen.

Laura Ford „Tree Figure“, 2011

Was tun? Das Versicherungswesen unserer leiblichen Degeneration angleichen. Denn, mit Verlaub, wir sind schon ein bisschen körperbehindert, seit unser Kopf zum ergonomisch geformten Adapter für allerlei Schnittstellen gediehen ist. Das Sichtfeld ist auf den Radius diverser Displays geschrumpft, die Ohren werden chronisch von Stöpseln oder Telefonen belagert und der Sprachapparat verdichtet die komplexesten Zusammenhänge auf 140 Zeichen. Mit Bohnen in den Ohren, Tomaten auf den Augen und Textbausteinen im Mund torkeln wir dann durch Versuchsanordnungen, die eigentlich die Körperbeherrschung unserer Säbelzahntiger-affinen AhnInnen erfordern, und fallen hinein.


Markus Leitsch „Rocks“, 2010

Soviel zu den Gefahren der Messekojen für EndabnehmerInnen. Aber auch die Insassen leiden – nicht, weil sie eine knappe Woche im Scheinwerferlicht und air konditioniert ihr erfolgsverwöhntes Dasein fristen, sondern weil die äußere Anmutung einer Messekoje eine fundamentale Kränkung jeder ästhetisch empfindsamen Seele bedeutet. Denn das Interieur einer Koje legt in bewährt post-strukturalistischer Manier sämtliche Mechanismen offen. Das mitunter abrupte Zusammentreffen der Wandteile wird weniger kaschiert als thematisiert, und auch die Mysterien der Stromversorgung finden – nein, nicht im Hauptbahnhof, aber vor aller Augen - statt. Auch das schickeste Mobiliar und andere Strategien, die Tatsache der Unterbringung in einem Container vergessen zu lassen, stoßen rasch an ihre Grenzen. Insofern gilt auch auf der prestigeträchtigsten Messe: Zuhause ist es doch am schönsten, und angesichts des eingangs erwähnten, signalisierten Interesses findet der endgültige Geschäftsabschluss dann wohl doch in der heimischen Galerie statt - im wahren Leben, nach Ende des falschen.

¹Auf die überwiegend äußerst lohnenden Begleitveranstaltungen und Nebenmessen gehe ich hier nicht ein, weil die ein komplett anderes Thema sind.

Charlotte Lindenberg

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