Donnerstag, 19. Mai 2011

Copy Paste

Um meine Arbeit zu zeigen, Anfragen für Ausstellungsbeteiligungen zu erhalten, mich in der Kunstwelt zu positionieren, mehr Austausch zu finden, habe ich vor einiger Zeit eine Homepage eingerichtet, was wohl heutzutage zur Grundausstattung einer Künstlerin gehört. Ich blogge hier mit, was riesigen Spass macht, habe mich von meinen Amsterdamer Freundinnen animieren lassen, auch zu twittern und bin auf verschiedenen Künstlerplattformen präsent. Als Resultat ergaben sich wirklich gute Ausstellungsmöglichkeiten, Gruppenprojekte, verbindliche internationale Kontakte zu anderen Künstlern, und Freundschaften mit interessanten, eigenständigen Leuten aus dem Kunstleben.

Ich habe meine neusten künstlerischen Entwicklungen relativ offen kommuniziert, Bilder hochgeladen - aus Vorsicht allerdings immer in relativ kleiner Auflösung - meine Filmchen ins Netz gestellt und so ziemlich viel Aufmerksamkeit und auch Lob erhalten.

Tulpenstück bewegt, 2011

Immer im Gefühl, es sei mir egal, wenn sich jemand bediene, die gesamte Arbeit sei dadurch nicht gefährdet, habe ich meine Arbeiten präsentiert.

Nun beschleicht mich aber allmählich ein schales Gefühl, wenn mich aus der lifestyle-Beilage einer lokalen Zeitung der Titel "Naturalia, Artificialia oder Scientifica" anleuchtet und für Porzellanblumenvasen wirbt, zumal ich vor kurzem meinte, von eben diesem Blatt auf meiner Homepage einen "Klick" gehabt zu haben, obwohl dieses Konzept und dies Begriffe Allgemeingut sind. Klar können zeitgleich aber unabhängig an verschiedenen Orten ähnliche Konzepte und Arbeiten entstehen. Ich sollte mich gut fühlen, die Fragen der Zeit erkannt zu haben. Gleichzeitig hatte ich 50(!) Besuche eines Tätowierungsstudios aus Amerika auf meiner Seite. Ich möchte so gerne die Leute sehen, die meine Arbeiten auf ihren Körpern tragen. Vor allem der Alterungsprozess würde mich interessieren! Plötzlich kennen mich aber Leute, die an einer themenverwandten Ausstellung im Sommer in einer bekannten Institution teilnehmen werden, und ich frage mich, ob ich mich nun ärgern soll, dass meine zusammengetragenen und für mich durchgedachten Ideen andernorts aufgenommen oder vielleicht gar als Ideenpool gefleddert werden, bevor ich sie selber richtig zeigen kann. Leide ich an Verfolgungswahn oder Überheblichkeit?

Amöbe 2, Tusche auf Plastikfolie, 100 x 100 cm, 2008

Sparsamkeit oder Überblick im Internet? Irgendwie fühle ich mich plötzlich nicht mehr wohl, und die Diskussion um den Fall Guttenberg und das Konzept des "samplings" oder "copy paste" als sogenannte Kulturtechnik beginnt mich zu interessieren.

Elisabeth Eberle

Kommentare:

Markus Hartmann hat gesagt…

So richtig ärgerlich wird es erst wenn einem so etwas passiert wie Noam Galai mit einem seiner Fotos: http://kwerfeldein.de/index.php/2011/03/19/der-gestohlene-schrei/

E. hat gesagt…

Eindrücklich, vielen Dank Markus!

Meike hat gesagt…

es ist extremst ärgerlich wenn jemand mit der arbeit anderer geld verdient und der eigentliche urheber dabei leer ausgeht.

dass das abgestellte auto auf der anderen straßenseite zwar von jedem angeguckt werden darf aber daraus nicht automatisch ein nutzungsrecht für eine spontane spritzfahrt entsteht wird kaum jemand anzweifeln,was aber bild-/text-/tonmaterial im internet angeht sind sich viele leider nicht dessen bewusst dass auch hier entsprechend urheberrechtliche ansprüche bestehen.
ich kann deswegen jedem künstler nur die vg bild-kunst ans herz legen. das schützt zwar nicht vor bilderklau, aber wenigstens kümmert sich der verein hervorragend um rechtliche belange wie z.b. die vergütung der nutzungsrechte.

André Debus hat gesagt…

Einen Text kann man kopieren. Sehr leicht sogar. Und ihn für den eigenen ausgeben.

Diese Gefahr besteht bei Deinen Bildern nicht, Elisabeth. Der manuelle Aufwand ist viel zu hoch und Deine Arbeitsweisen sind viel zu ausgefuchst, als dass jemand auf die Idee käme ein Werk von Dir zu plagiieren.

Problematisch ist das Ganze nur für Künstler, die sich leicht kopieren lassen, weil sie in ausgetretenen Bahnen arbeiten. Problematisch sind auch alle Kunstwerke in leicht kopierbaren Formaten, z.B. in digitalen Formaten. Die welkende Tulpe ist problemlos kopier- und vervielfältigbar. Hier kann man sich nur schützen, wenn man die Datenmenge so klein hält, dass man selbst alleinig in der Lage ist grossformatige Situationen zu bespielen.

Was Du (und auch Meike) bestimmt meinst, ist das Plagiieren der Bildideen. Allerdings besteht die ganze Kunst aus These, Antithese und im Bestfall der Synthese. Deine Bilder haben ihren Ursprung in bereits existierenden Vorlagen. Die Tulpen (hier weiss ich ja woher) genauso wie die bio/technomorphen Formen, die Du entwickelt hast. Alle diese Bilder sind abgewandelte Variationen bestehender Vorlagen.

Da ist es doch toll, wenn man kopiert wird. Es ist eine Anerkennung. Ein Tattoo mit einem Deiner Motive wäre eindeutig eine kreative Weiterentwicklung. Erst, wer seine Bilder in der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, sei es in Büchern, in Ausstellungen oder im Internet, kann an diesem kreativen Wachstum teilnehmen, welches man Kultur nennt.

ChaLi hat gesagt…

Bin meist zu einfallslos, mich detailliert zu äußern. Könnt ihr nich irgendein Icon für Maulfaule einrichten, so mit Plus und Minus und so? Oder noch besser: ohne und so?
Hier beispielsweise würd ich gern Plus drücken - oder 'n Smiley mit Mundwinkel hoch - jedenfalls irgendwas, das auch ohne fortgeschrittene Dialektik geht. Eher auf dem Niveau von "passt", bzw. "haschanichalle".
Weil dann könnt ich mich immer schön zeitsparend "positionieren".

scherl hat gesagt…

Dem Icon-Vorschlag schließ ich mich an …

Das Phänomen (wenn es denn eins ist) kenn ich allerdings auch.
Vor Jahren hatte ich zB eine meiner ersten Websites mit Chilies gemacht (Logo, Icons, Ornamente). Als ich die dann nach ca nem Jahr umgebaut hab, war 2 Wochen später ne Kasseler Firma (weiß nicht mehr, was die gemacht haben) am Start, die Chilies genau so verwendet haben.
Beispiel aus der Kunst hab ich auch einige.

Unsere schlaue Bundesjustizministerin Läutdingsdaberger hat bei dradio n Interview zum Thema gegeben: http://tinyurl.com/3bm85e7

Und hier der Kommentar von SemperCensio dazu "Dumm dümmer Links bezahlen": http://www.youtube.com/watch?v=nAg8RSOtZxM

E. hat gesagt…

Spannend, danke für die Ausführungen! Woher ich die Idee mit den Tulpen hatte: aus dem Blumenladen mit den altmodischen Tulpen. Klar mit historischen Bildern und etwas Geschichte im Kopf, aber gesucht hab ich die gemalten Blumenbilder erst nachträglich, als ich einen Titel suchte und war total verblüfft. Mir war nicht bewusst, dass es reine Tulpenstillleben gibt und dass der Hintergrund oft so dunkel gemalt ist. Wirklich schwierig, die Welt vollständig neu zu erfinden mit so vielen Bildern im eigenen Speicher.

Meike hat gesagt…

eigentlich fand ich den unterschied nicht erklärungsbedürftig zwischen
- einfach eine bestehende arbeit nehmen und sie am besten noch kommerziell verwenden ohne entsprechende nutzungsrechte abzugelten

-und-

-sich von bestehenden arbeiten inspirieren lassen und sie in die eigene arbeit mit einfließen zu lassen. ersteres finde ich eine frechheit, zweiteres passiert meist schon zwangsläufig wenn man aus der haustür rauspaziert ;)

im übrigen gibt es auch genügend menschen die keinerlei schmerzgrenze verspüren ein 72dpi bildchen im print zu verwenden...

Anonym hat gesagt…

@ André:

Der kleine Unterschied besteht wohl zwischen Interpretation und Kopie.
Ich meine, alle Bilder sind Interpretationen von etwas Vorhanden, sei es ein Gegenstand, Lebewesen, Begebenheiten (ect.) oder auch von einer vorhandenen früheren Interpretation (Bild od. dergleichen).
Denke eine Kopie od. Plagiat ist kein Bild- es ist eben eine Kopie, ein Plagiat und somit Raub!

Wobei ich zustimmen muss einen Tattoo-Kopie zwangsläufig alleine durch das Medium wie Bildträger etwas anderes ist, es sei denn, das Vorbild ist auch ein Tattoo . >Und es mag auch für einen bildenden Künstler schmeichelhaft sein, wenn sein Werk in Haut gestochen wird; jedoch nur solange er nicht ahnt, welcher Mist sonst noch so alles tätowiert wird, zudem in welch miserabler Qualität in diesem Bereich oft kopiert wird.
-Ich kann da Elisabeths Bedenken schon verstehen.

Rubin